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Reaktion, das konservative Element

Auf individueller wie auch auf kollektiver Ebene orientieren wir uns an Erfahrungen und Bilder, um in der Vielfalt der täglichen Herausforderungen routiniert und energiesparend zu funktionieren. Komplexe Situationen, wie wir sie heute durch die zunehmende Beschleunigung des Wandels erleben, erfordern jedoch andere und bewusster kultivierte Fertigkeiten. Achtsamkeit auf individueller aber auch auf der kollektiven Ebene spielt dabei eine Schlüsselrolle.

Wenn wir den Flug eines Vogels verfolgen oder deren Gezwitscher hören, dann sind diese Eindrücke absolut frisch. Das Gesehene oder das Gehörte erkennen wir - auf Grund unserer Erfahrung – als Vogel. Aber da läuft auch noch ein anderer Prozess mit, denn wir bringen unsere persönliche Haltung in dieses Geschehen ein indem wir auf das Gesehene subtil oder offensichtlich reagieren. Die Reaktion auf das Gesehene oder das Gehörte nämlich, informiert sich an dem was wir bereits kennen oder erlebt haben, sie orientiert sich an der Vergangenheit. Solch Bezugnahm zu unseren vergangenen Erfahrungen gibt uns ein Gefühl der Konstanz und damit Sicherheit. Mit dieser persönlichen Position unserem Erleben gegenüber sind Geschichten verbunden, welche wir über uns erzählen, Geschichten in denen sich unsere vielfältigen Bilder über uns selber ausdrücken, wie beispielsweise ein smarter Redner, guter Partner oder netter Mitmensch zu sein. Im Rahmen dieser Geschichten bewegen wir uns, schätzen wir Situationen ein und definieren die Grenzen unserer Welt. Sie helfen uns ebenso routiniert mit Standardsituationen umzugehen, ohne viel darüber nachdenken zu müssen. Die Kehrseite dieses Prozesses ist der Automatismus, eben in einer konformen Weise auf das Geschehen zu reagieren, was Gewohnheit bedeutet und letztlich ein Gefühl des immer Gleichen, des Trotts vermittelt. Zudem versagen diese Automatismen in komplexen oder sehr fordernden Situationen, denn was wir nun bräuchten, ist die Perspektivenvielfalt, die Agilität um auf Unerwartetes zu reagieren und die ruhige Wachheit, um kreative Lösungen zu sehen. In der Absenz von Achtsamkeit werden wir wahrscheinlich weiterhin mit der uns bereits bekannten Haltung reagieren und setzen damit die vorhandenen Grenzen unserer Lösungsmöglichkeiten in die Zukunft fort. Mit dem Vorhandensein von Achtsamkeit jedoch können wir diesen Automatismus unterbrechen und die Situation in der gesamten Breite, mit allen Möglichkeiten und frisch betrachten. Dies wird durch die Kunst der ‚Nicht-Reaktion' ermöglicht und durch sie wird unsere Fähigkeit zur Achtsamkeit erst vollständig und stabil. Nicht-Reaktion heisst, nicht jedem Impuls automatisch zu folgen. Automatisch einem Impuls zu folgen zeigt sich beispielsweise, wenn unsere Rolle als smarter Redner in Frage gestellt wird und wir uns sofort verteidigen, wenn wir einen Anflug von Langeweile haben und sogleich nach Unterhaltung greifen oder wenn wir ein unschönes eMail kriegen und unmittelbar und aufgebracht antworten. Nicht-reaktion heisst die persönlich Haltung, welche sich in der Reaktion ausdrückt, vorbei ziehen zu lassen, um dann besonnen zu agieren, statt aus einem Drang zu reagieren. Nicht-Reaktion heisst nicht, alles über sich ergehen zu lassen wie ein schlappes Gemüse, es heisst aber, unsere Automatismen mit bewusster Differenziertheit auszufüllen, unsere bisherigen Grenzen neu auszuloten und der emotionalen Wüste des ewig Gleichen frische Kreativität einzuhauchen.

Im Kollektiv, das heisst in Teams, Familien oder Gesellschaften gibt es diese Geschichten ebenfalls. Es sind die vereinfachten Bilder von uns selbst oder von der Konkurrenz, vom Lieferanten oder vom oberen Management. Es sind die schnell gefassten Zuschreibungen – die IT liefert mal wieder nicht – über welche sich alle sofort einig sind. Solche Geschichten einen die Mitglieder eines Kollektivs, indem sie Komplexität vereinfachen und damit Sicherheit spenden. Über solche Geschichten hinauszusehen ist sehr schwierig, weil sie vom Umfeld geteilt und konstant gepflegt werden. Sie sind die Welt, in der sich Organisationen bewegen und sie schaffen Sinn, aber sie markieren auch die Grenzen des Denkbaren. Typischerweise sind sie änderungsresistent und mit Konflikt behaftet. Wenn sich nun das Umfeld stark verändert und einschneidende Herausforderungen anstehen, dann müssen genau diese Geschichten angepasst werden, um neue Wege zu sehen oder noch kaum sichtbare Opportunitäten zu erkennen. Um über die Kapselwirkung dieser Geschichten hinauszusehen ist ein bewusstes Hinschauen und ein intensives Hinhören erforderlich. Methoden, wie Design Thinking oder Muster Analysen bezwecken genau das, indem sie eine umfassende und eingehende Beschäftigung mit der anstehenden Herausforderung fördern und dabei eine Diversität an Perspektiven einladen. Das kommt einer Nicht-Reaktion auf kollektiver Ebene gleich und schwächt die Tendenz, ständig in dasselbe Muster zu fallen.

Im Ausbildungslehrgang MINDFULNESS IN ORGANISATIONEN, beschäftigen wir uns mit solchen Methoden und deren grundlegenden Prinzipien und Wirkungsweisen.

Graubereich der Ethik
Wahrnehmen heisst bauen

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Sonntag, 20. Januar 2019

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