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Graubereich der Ethik

Aus einer gesellschaftlichen Perspektive drehen sich Ethik-Fragen um Regelbrüche. Das kultivieren von Achtsamkeit setzt an einem früheren Punkt an, nämlich beim Graubereich der Ethik, welcher beim ersten Impuls von z.B. Widerstand beginnt. Dieser Graubereich umfasst gleichzeitig auch unser tägliche Stress, Verwirrung und Knatsch. Die eigene Zufriedenheit und Ruhe sind deshalb eng mit Ethik und der Verantwortung gegenüber Gesellschaft und Umwelt verbunden.

Vor uns fährt ein Auto zu langsam und wir sind irritiert – das kann vorkommen. Wir fluchen laut in unserem geschlossenen Auto – aus einer gesellschaftlichen Perspektive nicht unethisch. Wir drehen das Fenster runter und schreien dem Fahrer ein A..ch entgegen – grenzwertig. Dann überholen wir und versuchen den anderen Fahrer abzudrängen – damit überschreiten wir die Linie.

Der erste Impuls der Irritation ist eine spontane und nicht kontrollierbare Reaktion. Auf dieser frühen Ebenen der Interaktion gibt es eigentlich nichts Unethisches. Die Frage ist nur, wie wir diese Erstreaktion einordnen und was wir damit tun. Identifizieren wir uns mit dem unmittelbaren Impuls und bauen diesen mit weiteren Assoziationen und Reaktionen aus, dann sind wir auf guten Wege etwas zu sagen oder zu tun, dass wir besser nicht hätten sagen oder tun sollen. Doch normalerweise sind wir keine Sklaven, die jedem inneren Impuls folgen müssen und nehmen uns intuitiv die Freiheit, nicht jedem inneren Sog zu gehorchen. Das macht uns durchlässig und ermöglicht Besonnenheit in den täglichen Auseinandersetzungen. Doch es gibt Bereiche in unserem Leben, welche wir nicht als ein Getrieben-sein erkennen. Es sind die reaktiven Verhaltensweisen, wie der Wunsch nach einem besseren Image, die täglichen Grübeleien oder Verbitterung über vergangene Ereignisse. Das sind zwar keine unethischen Verhaltensweisen, doch sie bilden die Voraussetzung dazu.

Auch die Reaktion auf den langsamen Autofahrer befindet sich in einem ethischen Graubereich – nicht wirklich unethisch aber auch nicht wirklich klar. Die Klärung solcher Reaktionen aus dem Graubereich ist ein Schritt in Richtung eines entscheidungsklaren Innenlebens. Und Achtsamkeit spielt hierfür eine wichtige Rolle – denn sie kann diesen Graubereich aussortieren und klären. Entweder unternehmen wir etwas für oder gegen einen Umstand, oder wir akzeptieren die aktuelle Situation, aber wir verharren nicht in einem Zwischenzustand der Klage oder Anklage.

Den Graubereich betrachten wir aus einer gesellschaftlichen Perspektive als normal. Dieser Bereich äussert sich gegen Aussen im sozialen Verhalten und gegen innen als Konflikt und Unruhe. Es sind die inneren Impulse, welche uns treiben ohne es zu merken und ständig nach Rechtfertigungen suchen. Der Autofahrer brüllen wir an, denn er fährt ja zu langsam – wir haben doch einen Grund! Letztes Beispiel hat seinen Anfang im Moment der anfänglichen Irritation und wenn in diesem Moment die Achtsamkeit fehlt., dann werden wir diesen anfänglichen Impuls mit weiteren Gedanken und Reaktionen ausbauen, so dass wir am Ende eben diesen Konflikt abtreten. Der kleine Widerstand am Anfang dient als Auslöser und der Mangel an Aufmerksamkeit bietet die Grundlage worauf unsere Konditionierung ihren freien Lauf nehmen kann. Dies bedeutet im Grunde genommen, dass wir über diesen Bereich des Innenlebens keine Kontrolle haben und keine Verantwortung übernehmen können. Diese Situation illustriert ein Graubereich der Ethik – wir behandeln uns selber nicht wirklich gut und werden auch auf andere mit Gereiztheit reagieren.

Die Kämpfe die wir ausfechten in unserem Inneren oder in unserer Umgebung, sie sind ein wesentlicher und prägender Bestandteil unseres Alltags und signalisieren, dass hier irgendwelche Schatten-Prozesse am Laufen sind, die letztlich störend auf unsere Beziehungen wirken. Aus diesem Grund ist alles dienlich was diesen Umstand verbessern kann. Solch Verbesserung unserer bereits vorhandenen Unabhängigkeit und Besonnenheit, ist das bewusste Kultivieren von Achtsamkeit. Wenn also der erste Impuls der Irritation aufsteigt, lässt uns die ruhige und passive Qualität der Achtsamkeit realisieren, dass wir uns in einen subtilen Kampf begeben und sie sieht diesen Impuls – als ob in Zeitlupe – schon von Weitem aus dem Bewusstsein aufsteigen. Wir kriegen dadurch genug Zeit um zu überlegen, ob wir in diesen Aufruhr geraten wollen. Achtsamkeit wirkt beschwichtigend auf unsere Tendenz die Dinge hochzuspielen, sie macht unsere Automatismen bewusst und sie klärt unsere übernommen und limitierenden Glaubenssätze. Achtsamkeit vermag diese Schatten-Prozesse ans Tageslicht der bewussten Reflexion zu heben und bringt damit mehr Verantwortung in unsere Beziehungen mit uns selbst oder anderen.

Eine solche Wahl markiert den Anfang von Verantwortung über eben diesen - bisher verselbstständigten - Bereich des Innenlebens. Solche Wahl bedeutet Entscheidungsklarheit und ist ein Hygienefaktor der Psyche, welcher zu Ruhe und Leichtigkeit führt. Im Kollektiv ist Entscheidungsklarheit eine hart zu erringende Qualität, denn da ringen wir mit anderen Egos und persönliche Agenden – einer Balance zwischen konstruktivem Herausfordern und Respekt, zwischen Feedback und Förderung. Dass sich im Kollektiv unsere beste Seite etablieren kann, hängt von der individuellen Anstrengung ab, eben diesen Graubereich im eigenen Bewusstsein zu klären. Zu schnell leben wir in einer unausgesprochenen Vereinbarung, welche mit unserem Graubereich korrespondiert. Und ethische Regeln tun ihren Job bekanntlich nicht gründliche genug. Deshalb ist Ethik in jedem Einzelnen zu kultivieren – die Verantwortung sowie die Auswirkung dieser Anstrengung sind gross, denn es geht um sozialen Frieden, um gerechte Wirtschaftlichkeit, um Rücksicht auf die Umwelt und nicht zuletzt um unser Wohlbefinden. Alles beginnt mit dem ersten Impuls. Bist du diesem gewahr?

Innovation ist unsere DNA
Reaktion, das konservative Element

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Mittwoch, 20. März 2019

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